Andächtig

Diese Begegnung mit einer taufeuchten Wiese voller Spinnenetze bei Sonnenaufgang war für mich ein Moment, in dem ich einfach nur andächtig und ehrfürchtig vor diesem Anblick stand.
Darum habe ich sie später auch meinem kauzigen Titelhelden Theo Knoll aus der Geschichte “Windflüchter” (in: “Die Füße der Sterne“) geschenkt:

Auszug: „…Ich würde da heute nicht reingehen“ warnte mich ein Halbwüchsiger, der gerade dem Wasser entstieg. „Alles voller Quallen!“
Wunderbar! Eine Ausrede.
Ein genauerer Blick überzeugte mich jedoch davon, dass es sich um Ohrenquallen handelte, von denen ich sowohl von Tante Susanne als auch von Frau Thieme und meinem Reiseführer wusste, dass sie vollkommen harmlos waren. Glitschig, vielleicht. Aber harmlos.
Theo Knoll kneift nicht. Eine Ausrede musste schon Hand und Fuß haben. Und das konnte man ja von den Quallen nun wirklich nicht behaupten.
Schritt für Schritt tastete ich mich vorwärts, den Blick auf ein Segelschiff am Horizont geheftet. Wie eine dünne eisige Fessel kroch die Wasseroberfläche an mir empor. Am hinterhältigsten war es, als sie meinen Bauchnabel traf. Da war mir alles egal, und ich ließ mich fallen bis zum Hals, nur um es hinter mich zu bringen.
Ich dachte, mein Herz stünde still und mein Atem hielte an für alle Zeit wie damals das Ticken der Standuhr auf dem Kaminsims, als meine Großmutter starb.
Doch ich irrte mich.
Etwas in mir zerbrach nur in Splitter und fügte sich völlig neu zu einem Bild zusammen wie Glasperlen und Drahtstücke in einem Kaleidoskop.
In der Kälte war Feuer und das Wasser schmeckte nach Fisch und Kräutersalz und allem Leben. Aus meinem Zittern wurde Kribbeln, flüssige Wärme und Leichtigkeit. So wach war ich noch nie gewesen. Ich drehte mich zum Strand um und stand still, auf den Zehen, das Kinn gerade über der Wasseroberfläche. Wenn ich vorsichtig mit den Händen wedelte, konnte ich in der Strömung stehen und schwankte nur leicht wie die kiwigrünen Tangfahnen am Boden. „Die trockene Knolle ist nass geworden“, der Gedanke schoss mir durch den Kopf, als hätte ihn eines meiner Schulkinder heiter in mein Ohr gesprochen.
Der Himmel war silbergraue stumme Weite über mir und auf dem Wasser regte sich keine Welle, nur ein leichtes Kräuseln wie eine Illusion huschte umher. Der Horizont zog in der Farbe reifer Aprikosen einen leuchtenden Kreis um mich und gehörte mir allein, denn es war niemand mehr am Strand. Der schien darauf zu treiben wie ein Staunen aus Gelb und Hellgrün.
Nicht weit von meinem linken Ohr wies eine Buhne aus schwarzen wurmstichigen Balken vom Ufer ins Wasser pfeilgerade zum Himmel hin wie ein Pinselstrich, und auf seinem Ende ruhte dunkel und bewegungslos ein enormer Vogel und sah mir direkt ins Auge. Ich wusste sofort, dass es ein Kormoran war. In Wirklichkeit war er nicht so gewaltig, nur meine Augenhöhe war der Erde ungewohnt nahe. Er thronte stillschweigend über mir wie ein würdevoller Schutzgeist.
Im Wasser war ein Glanz, und ein stummes Ballett glasklarer Wesen folgte um mich herum seinem Rhythmus: Ohrenquallen in jeder Größe von Fingerhut bis Suppenteller bewegten sich wie in Zeitlupe mit dem ihnen eigenen langsamem Pulsieren fort, vollkommen durchsichtig bis auf den gewellten Saum und die Kleeblattmuster in der Mitte ihrer Schirme. Diese kamen in allen Farben vor, von Gelb über Rosa bis Blau und Grün, aber in einer Genauigkeit, als wären sie von der Hand eines Malers mit viel Zeit, Pastellkreide und Hingabe sorgfältig auf jede einzelne davon gezeichnet worden.
Die Quallen schwammen in keiner bestimmten Richtung, so als sei das bloße Dasein vollkommen genug, und manchmal berührten sie mich federleicht am Bein wie ein Anerkenntnis, dass ich auch da war.
Über allem lag ungebrochene Stille, nicht einmal ein Möwenruf kam.
Ich wusste, der Theo Knoll, der heute im Getöse des Speisesaals seine Radieschen löffeln würde, würde nicht derselbe sein, der gestern den Chinakohl heruntergewürgt hatte. Etwas in mir war aufgebrochen und haltlos in Bewegung geraten. Ich war plötzlich verletzlich und weinerlich wie ein müdes Kind und gleichzeitig hätte ich das gesamte Klinikpersonal umarmen und im Trainingsanzug auf dem Hausdach tanzen können.
An die Anweisung des Arztes denkend, drehte ich mich auf den Rücken, sah in den Himmel und ließ mich auf meiner neuen Welt treiben.
Die trockene Knolle treibt aus, dachte ich. Wohin soll das führen?

Nichts konnte mir diese Begegnung mehr nehmen.
Das Bild war eingebrannt und ließ mich nicht mehr los. Im Speisesaal sah ich die Gesichter nicht mehr, nur noch mein Quallenballett mit Kormoran.
Später nutzte ich einen freien Nachmittag, um ins Dorf zu laufen. In einer Touristenboutique, die wirkte wie versehentlich aus ihrer zugehörigen Gegend gefallen, kaufte ich ein paar kurze Hosen. Ich, Theo Knoll! Möglicherweise würde es mir bald nichts mehr ausmachen, dass ich darin aussah wie ein Eis am Stiel. Außerdem schickte ich Baby Direx eine Postkarte mit einem Sonnenuntergang in der Farbe seiner Krawatte. Ich hatte festgestellt, dass Kitsch kein Kitsch ist, wenn er sich am Himmel befindet und jeden Abend und Morgen neu wird und man mitten darin steht.
Der Ort nannte sich eine Künstlerkolonie. Nach genau so einem Künstlerexemplar mit Pinsel und Leinwand war ich auf der Suche. Eine Anfrage im Kurhaus half mir weiter. Ich stöberte tatsächlich einen auf. Er hatte eine entsprechende Visitenkarte unter sein Türschild geklemmt, saß dürr und gelangweilt wie eine hungrige Spinne in seinem Vorgarten vor einer windschiefen Staffelei und wartete darauf, dass eine Idee vorbei kam. Er schien erfreut, mich und meine Bitte zu sehen.
Es war nicht leicht, aber ich beschrieb ihm mit mehr Leidenschaft als Wortgewandtheit mein Bild von der durch die Wasseroberfläche scharf zweigeteilten Welt aus Himmel und Meer, deren Hälften mir beide mit einer Einladung im Gesicht zur Verfügung standen. Ich erzählte von dem zerbrechlichen, bunten Quallentanz und wie er mich berührt hatte und vom Blick des Kormorans, der meinen eigenen wuchtig und punktgenau in die Mitte traf wie eine erschütternde und beglückende Erkenntnis. Ich versuchte ihm begreiflich zu machen, dass ich in jenem Moment da hätte stehen mögen bis ich Wurzeln tief und ewig in den Sand schlug und mich dem Wind und der Küste anpasste wie die Windflüchter.
Er machte sich Notizen auf einen kleinen Block, mit halbgeschlossenen Augen, als versuche er zu sehen, was ich gesehen hatte. Das ermutigte mich.
„Dieses Bild werde ich niemals vergessen,“ sagte ich abschließend, „aber falls mir doch etwas davon abhanden kommt, hätte ich es doch gern an der Wand hängen, als Referenz.“
„Woran soll es Sie denn am stärksten erinnern?“ erkundigte er sich neugierig.
„Vielleicht daran, dass eine bestimmte Ordnung im Küchenschrank nicht für immer und nicht für das Leben gelten muss, und dass Bügelfalten sich nicht auf der Seele befinden sollten.“
Er riss den Zettel vom Block und stach ihn mit einem Reißnagel in den Baum neben seinem Zeichenblock.
„Ich kann nie versprechen, anderer Leute Bilder zu malen,“ sagte er, „aber ich werde mein Bestes tun, denn auch ich habe schon zwar nicht mit dem Wolf oder mit Quallen, wohl aber mit den Fischen getanzt.“
Wir einigten uns schnell auf einen Preis, denn ich wollte in dieser Sache nicht schäbig handeln.
Von nun an vergingen die Kurtage immer schneller. Der Arzt war mit mir und meinem Rücken zufrieden. Ich auch. Brav wartete ich täglich mit den anderen in einer Reihe vor dem Gymnastikraum. Wir sahen aus wie die Möwen auf der Buhne, die auf Kurgäste mit übrigen Frühstücksbrötchen spekulierten. Ich gewöhnte mir an, täglich kalt zu duschen. Morgens und abends, wenn die Tagestouristen verschwunden waren, ging ich ins Meer. Jedes Wetter war mir recht, denn jedes reichte mir eine neue Überraschung. Vom Schwimmen bekam ich enormen Appetit, nahm aber trotzdem ab. Ich wurde süchtig nach Sanddorntee, und wenn es am Strand zu windig war, machte ich meinen Mittagsschlaf im Gras in der Senke am Deich, in der immer noch der Duft herrschte, der mich so berauschte.
Abends ging ich nicht ins Bett, ohne noch einmal nach dem hellen Fingerzeig des Leuchtturms gesehen zu haben, der durch die Herbstnacht kreiselte und mir wichtig geworden war.
Ich bekam eine Woche Verlängerung, doch ich konnte mich auch danach noch nicht vom Meer trennen. Anfang Oktober verschwanden die Strandkörbe und die meisten Touristen, und ich hatte Platz für einsame Verabredungen mit dem Nordwind. Ich rief Baby Direx an und bat um meinen Jahresurlaub. Er war verblüfft.
„Seit wann lassen Sie Ihren Urlaub nicht verfallen?“ fragte er.
„Menschen ändern sich. Kann ich bleiben oder nicht?“
„Ja, aber nur wenn Sie danach wieder kommen. Hier fehlt die richtige Ordnung. Ich finde nichts.“
Damit würde er leben müssen. Ich hingegen hatte eine Menge gefunden.
Es gab eine kleine Pension mit einem Reetdach, in der ich ein Zimmer bekam. Statt der Gymnastik machte ich weite Wanderungen am Strand und im herbstflammenden Wald. Auch uferlose Wiesen gab es hier, schaumig von Klee und Weidenröschen, über die die kühlen Morgen einen Schleier aus taubetropften Spinnweben warfen.

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